Und wer liebt mich?

Das erste von Anfang bis Ende selbst gelesene Buch ist für viele Kinder ein Meilenstein in Sachen Unabhängigkeit. Sich zurückziehen zu können und still für sich zu lesen – ob an einem langweiligen Regentag, auf einer langen Zugfahrt oder heimlich unter der Bettdecke – in eine Fantasiewelt abtauchen zu können, ganz für sich allein von einer Geschichte absorbiert zu werden, das ist ein ganz besonderer Schatz.

Für Dilber war es in diesem Frühjahr soweit. Die 13-Jährige arbeitet seit Beginn des Schuljahres an ihrer Lese-Rechtschreib-Schwäche und konnte im ersten Halbjahr bereits große Fortschritte machen. An ein ganzes Buch traute sie sich aber lange nicht heran.
Gerade Kinder, bei denen erst recht spät eine Lernschwäche festgestellt wird, haben häufig einen Glaubenssatz aufgebaut. „Ich kann nicht lesen“, diese Gewissheit hatte sich in Dilbers Kopf festgesetzt. Dabei ist sie ein aufgewecktes Mädchen mit viel Fantasie, das Geschichten gern hat.

Dilbers Mutter versuchte es mit einfachen Büchern für Leseanfänger, um die Hemmschwelle zu senken. Große Buchstaben, nicht zu lange Sätze. Das Problem: Diese Bücher sind meist für Sechsjährige geschrieben und die Geschichten darin für eine 13-Jährige langweilig. Babykram, das war Dilbers Antwort darauf.
Also unternahm die Mutter mit ihrer Tochter einen Ausflug in die Stadtbibliothek. Wenn Dilber sich selbst etwas aussuchen könnte, würde es vielleicht klappen mit dem Lesen.

Und es klappte. Die Bibliothekarin schlug Dilber ein Buch vor, das sie dort abholte, wo sie gerade stand. Am Anfang der Pubertät, mit all den kleinen und großen Sorgen und den vielen Fragen, die ein Mädchen in dem Alter beschäftigen. „Und wer liebt mich?“ von Hortense Ullrich war das Buch, von dem Dilber sofort wusste, dass sie es gern lesen wollte. Und zwar allein. Denn Geschichten über das erste Verliebtsein und alles, was damit zu tun hat, die möchte man nicht mit Mama auf dem Sofa lesen.

Die Geschichte von Jojo, ihrem Freund Sven, ihrer besten Freundin Lucilla und all den Irrungen und Wirrungen, die die Pubertät so mit sich bringt, hat Dilber jedenfalls gepackt und sie hat das ganze Buch gelesen. Von Anfang bis Ende, ganz allein. Und es war gar nicht so schwer.

Darauf ist Dilber so stolz, dass das Buch sogar Inhalt ihres Projekts in der Ferientherapie wurde:

Was hat mir an dem Buch gefallen?


* Es war lustig

* Es war ein bisschen verrückt und es hatte ein bisschen Fantasie.