Pädagogik und Psychologie
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Die Duden-Lerntherapie-Studie: Fünf Fragen an die Autoren

Interview mit Dr. Gerd-Dietrich Schmidt (links) und Dr. Lorenz Huck (rechts)

Herr Dr. Schmidt, Herr Dr. Huck, in der Duden-Lerntherapie-Studie haben Sie untersucht, wie sich die Finanzierung integrativer Lerntherapien in den letzten 25 Jahren verändert hat und wie sich diese Änderungen auf die Zusammensetzung der Therapiekinder an den Duden Instituten auswirkte. Die Studie behandelt aber noch viele andere Fragen. So haben Sie festgestellt, dass vergleichsweise wenige Jugendliche, die eine Lerntherapie in den Berliner Duden Instituten in Anspruch nehmen, ein Gymnasium besuchen. Wie viele sind es?

Lorenz Huck: Von den Gesamtschülerzahlen wäre zu erwarten gewesen, dass in unserer Klientel in den letzten Jahren etwa gleich viele Jugendliche ein Gymnasium besuchen wie eine andere weiterführende Schule. Tatsächlich ist das bei Weitem nicht der Fall. Im Zeitraum 2012–2016 waren nur 22 % der Jugendlichen in unserer Klientel Gymnasiasten. Das ist insofern ungewöhnlich, als die Regelungen zum schulischen Nachteilsausgleich sicherstellen sollen, dass jedes Kind eine Schulkarriere antreten kann, die seinem allgemeinen Leistungsvermögen entspricht – unabhängig von besonderen Schwierigkeiten im Lesen, Schreiben oder Rechnen.

Woran liegt das?

Lorenz Huck: Das konnten wir mit unseren Mitteln nicht beantworten: Möglich ist, dass Kinder mit einer LRS oder Rechenschwäche entgegen offiziellen Erklärungen seltener eine Gymnasialempfehlung bekommen. Oder die Eltern betroffener Kinder entscheiden sich eher für eine Integrierte Sekundarschule, wie das hier in Berlin heißt, weil sie befürchten, dass besondere Lernschwierigkeiten am Gymnasium weniger toleriert werden.

Gerd-Dietrich Schmidt: Vielleicht schaffen es die eher leistungsstarken Kinder auch, durch Stärken in anderen Bereichen ihre Schwierigkeiten beim Lesen, Schreiben und Rechnen zu kompensieren. Da die weiterführende Schule in Berlin erst in der 7. Klasse beginnt, ist es sogar möglich, dass viele betroffene Kinder, die ein Gymnasium besuchen, eine erfolgreiche Lerntherapie bereits hinter sich haben.

Sie haben auch wieder den Zusammenhang von Lernschwierigkeiten und psychosozialen Belastungen untersucht. Mit welchen Ergebnissen?

Lorenz Huck: Leider bestätigten sich dabei die Ergebnisse unserer "PuLs-Studie" aus dem Jahr 2016: Die große Mehrzahl der Kinder und Jugendlichen mit besonderen Lernschwierigkeiten ist zu Beginn der Therapie psychosozial belastet. Die Eltern beschreiben ihre Kinder in einem Fragebogen als „traurig“, „nervös“ oder sprechen von „Schlafstörungen“. Interessant ist, dass sich an der Verteilung der Belastungen, die wir erheben konnten, über 25 Jahre kaum etwas ändert. Dass Kinder als belastet beschrieben werden, ist also nicht dadurch zu erklären, dass moderne „Helikoptereltern“ übervorsichtig um ihre Kinder kreisen.

Gerd-Dietrich Schmidt: Außerdem haben wir festgestellt, dass auch die Eltern von ganz erheblich belasteten Kindern in vielen Fällen bereit sind, die Kosten für eine Lerntherapie selbst zu tragen, obwohl sie sicherlich einen berechtigten Anspruch auf Hilfe durch das Jugendamt hätten. Wir konnten mit den Mitteln der DLT-Studie nicht beantworten, woran das liegt: Nahe liegend ist die Vermutung, dass manche Eltern ihren Kindern den aufwendigen und langwierigen Diagnose- und Antragsprozess ersparen wollen, der einer Hilfe durch das Jugendamt vorausgeht.

Viele Eltern interessieren sich wahrscheinlich besonders für ihre Ergebnisse zur Belastung durch Hausaufgaben. Was haben Sie sich genauer angesehen?

Lorenz Huck: Aus der Praxis wissen wir, dass die Eltern von Kindern mit einer LRS oder Rechenschwäche in aller Regel sehr bemüht sind zu helfen. Kann ein Kind die Hausaufgaben nicht alleine bewältigen, wird oft sehr lange gemeinsam gearbeitet und geübt. Wir haben deshalb die Länge der Bearbeitungszeit für die Hausaufgaben im Problemfach näher betrachtet und mussten feststellen: In den ersten vier Schuljahren lag die durchschnittliche Bearbeitungszeit im jeweiligen Problemfach nach Angaben der Eltern deutlich höher als die Maximalzeit für alle Hausaufgaben, die einmal in einer Ausführungsvorschrift des Senats festgelegt wurde. Bei den Dritt- und Viertklässlern lag z. B. die durchschnittliche Hausaufgabenzeit im Problemfach bei 45,4 Minuten. Die Spanne reichte dabei von 5 bis 180 Minuten. Die Zeit, die für diese Altersstufe zur Erfüllung aller Hausaufgaben eines Tages veranschlagt wurde, sollte aber 45 Minuten nicht überschreiten.

Gerd-Dietrich Schmidt: Hinzu kommt, dass trotz dieser großen Mühen meist keine guten Ergebnisse erreicht werden. Damit ist die Hausaufgabensituation für die Familien oft sehr belastend. Auch in diesem Bereich müsste über weitergehende Maßnahmen des Nachteilsausgleichs nachgedacht werden.

Herr Dr. Schmidt, Sie sind seit 25 Jahren der Geschäftsführer der Duden Institute. Was hat Sie bewogen, sich als Co-Autor der Studie zu engagieren?

Gerd-Dietrich Schmidt: Die Frage ist völlig berechtigt, denn normalerweise haben wir für wissenschaftliche Fragestellungen unsere Fachleute. Uns wurde aber schnell klar, dass durch diese Studie die Kernfrage der Duden Institute berührt wird, nämlich: Wofür sind wir als Einrichtung eigentlich da? Unsere Antwort ist: Dafür, dass jedes Kind lesen, schreiben und rechnen lernen kann. Jedes Kind, also auch die Kinder mit besonderen Schwierigkeiten, um die wir uns ja kümmern, also auch Kinder aus sozial schwachen Familien. Wenn wir dieses Ziel irgendwann annähernd erreichen wollen, ist die Frage, wie Lerntherapie finanziert werden kann, von entscheidender Bedeutung.

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