Rechenschwäche
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Lernschwierigkeiten in Mathematik - So gelingt der Start in die weiterführende Schule

von Jana Köppen, Leiterin des Fachbereichs Mathematik

Mathematikunterricht ist – anders als andere Lernbereiche – sehr hierarchisch aufgebaut. Das heißt: Hat ein Kind beispielsweise arithmetische Grundlagen in der Primarstufe nicht verstanden, entstehen neue Schwierigkeiten in der weiterführenden Schule.

Es ist daher wichtig, ein besonderes Augenmerk auf die folgenden Grundlagen zu richten:

Zahlenraum
Ein Kind muss sich im Zahlenraum bis eine Million zurechtfinden können, z. B. die Nachbarzahlen zu 48000 angeben können, das Stellenwertsystem erfasst haben und in Tausenderschritten zählen können. Es sollte gute Zahlvorstellungen entwickelt haben.
Was das Wörtchen „gut“ bedeutet, muss sich beim Rechnen beweisen, denn Zahlvorstellungen bilden dafür eine wesentliche Voraussetzung.

Grundrechenarten
Zum Ende der Grundschulzeit müssen die Kinder die Grundrechenoperationen weitgehend flexibel beherrschen. Sie werden nun mehr zum „Beiwerk“ bei komplexen Betrachtungen. Neben der Nutzung effektiver Rechenstrategien kommt es auf gute Handlungsvorstellungen zu den Rechenoperationen an: Wenn Kinder nicht genau wissen, was z. B. „malnehmen“ oder „dividieren“ bedeutet, wird eine erfolgreiche Bearbeitung von Text- und Anwendungsaufgaben sowie das Erkennen des rechnerischen Vorgehens zum Rätselraten.

Das kleine Einmaleins
Es gibt nicht viele Dinge, die im Mathematikunterricht der Primarstufe automatisiert werden müssen. Die Reihen des kleinen Einmaleins gehören jedoch dazu. Sie bilden zum Beispiel eine Grundlage für die Arbeit mit Brüchen. Die Kinder sollten zu (fast) jeder Aufgabe der Malfolgen zügig das Ergebnis sagen können, ohne sich erst durch die Zahlreihe der Ergebnisse an die entsprechende Stelle bewegen zu müssen („drei, sechs, neun, zwölf ...“). Eine weitere typische mathematische Beispielsituation, die eine flexible Beherrschung der Malfolgen erfordert: Es soll die Frage beantwortet werden, wie teuer ein Liter Benzin ist, wenn für fünf Liter 7 Euro bezahlt wurden.

Vorstellungen zu Geld, Länge, Zeit und Masse und Geometrie
Außerdem sollten die Kinder über Vorstellungen zu den Größen Geld, Länge, Zeit und Masse sowie auch zu geometrischen Grundbegriffen verfügen. Sie sollten zum Beispiel mit den Händen zeigen können, wie lang in etwa ein Meter ist oder abschätzen können, wie lange sie für einen 100m-Sprint brauchen.

So gerüstet steht einem guten Start nach dem Übergang aus fachlicher Sicht nichts im Wege. In den ersten Wochen an der weiterführenden Schule sind zudem oft Zeiten für die Wiederholung von Grundlagen vorgesehen. So bekommen die Lehrer einen Eindruck von den Fähigkeiten der Kinder und helfen ihnen, das Wissen zu festigen. In dieser Hinsicht unterscheidet sich Mathematiklernen gar nicht von der Auseinandersetzung mit anderen Lerngegenständen: Letztlich brauchen wir neben der Vorstellung und Einsicht in das Geforderte auch Übung und Wiederholung, um eine Sache gut zu können.

Wie Eltern ihr KInd unterstützen können

Auch in der Familie gibt es gute Gelegenheiten Tochter oder Sohn zu unterstützen:

  • Wenn beispielsweise die Malfolgen wiederholt werden sollen, ist dringend zu empfehlen, das Kind die gesamte Aufgabe sprechen zu lassen („Viermal sieben ist gleich achtundzwanzig.“), da der zusammengehörige Informationsgehalt eingeprägt werden soll.

  • Der Umgang mit dem Taschengeld unterstützt nicht nur die Selbstständigkeit der Kinder sondern auch ihre rechnerischen Fähigkeiten.

  • Größenvorstellungen lassen sich ebenfalls gut im Alltag aufgreifen: Wie viel ist 1/4 Liter Milch? Wie schwer ist ein Brot? Wie viel Mehl braucht man für den Kuchen?

  • Gesellschaftsspiele (z. B. Mikado, Kniffel) können hilfreich sein, um ganz nebenbei die Grundrechenarten zu üben.

Es ist wichtig, Schwierigkeiten zu erkennen und in ihrer Bedeutung einzuordnen, um Kindern an der richtigen Stelle zu helfen. Nicht jede knifflige Aufgabenstellung muss aufgegriffen werden. Die Grundlagen sollten für ein Kind jedoch als verlässliches Fundament zur Verfügung stehen. Gegebenenfalls kann es sinnvoll sein, dass ein Kind zunächst mit Anschauungsmitteln natürliche Zahlen addieren übt und noch nicht über Brüchen brütet.

Bruchrechnen

Sinnvolles Arbeiten mit Brüchen setzt ein gutes Verständnis von „normalen“ Zahlen voraus. Auch bei abstrakteren Inhalten sollte für die Heranwachsenden die Hilfe durch Anschauungsmittel nicht unterschätzt werden. Vorstellungsproblemen bei Brüchen kann man begegnen, wenn Bruchteile immer wieder in Zeichnungen oder mit anderen Materialien dargestellt werden. Dazu können Zettel in unterschiedlicher Größe, Wollfäden Schokoladentafeln, Pralinenkisten usw. herangezogen werden. Hilfreich ist eine vielfältige Variation der zugrundeliegenden Ganzen. Die Vorstellung zu Brüchen soll sich nicht nur auf „Torten“ beziehen. Sie bleibt sonst oft starr und nicht übertragbar auf andere Situationen.

Für das Rechnen mit gemeinen Brüchen darf man sich ruhig gemeinsam fragen, warum jetzt derart anders vorgegangen werden muss, als bisher bei den natürlichen Zahlen.

Können Lücken in den Grundlagen nicht mit einem vertretbaren Übungsaufwand geschlossen werden, sollte man sich von Experten beraten lassen. Manchmal muss mit einer individuellen und speziellen Herangehensweise geholfen werden.